Viele denken bei LAPP zuerst an Kabel. Dabei hat LAPP im Bereich der Steckverbinder vor rund 60 Jahren eine Pionierrolle gespielt. Wie ist dieses Geschäftsfeld entstanden?
Dass manche LAPP in erster Linie mit Kabeln verbinden, ist naheliegend. Denn Kabel sind ein essenzieller Teil unseres Kerngeschäfts. Die Erfindung der ÖLFLEX®, der ersten industriellen Steuerleitung, legte den Grundstein für die heutige weltweit agierende Unternehmensgruppe und unterstreicht diese Wahrnehmung. Gleichzeitig braucht jede Leitung eine passende Schnittstelle, und genau dort setzt ein weiterer wichtiger Teil unseres Portfolios an. Wir denken Verbindungstechnik als System: Das Kabel ist wichtig, aber erst der passende Steckverbinder macht die Anwendung vollständig. Deshalb bildet das Steckverbindergeschäft bei LAPP einen eigenen Schwerpunkt.
Historisch geht das auf die Anfänge des Unternehmens zurück: Oskar Lapp hat neben der ÖLFLEX® auch den ersten industriellen Rechtecksteckverbinder erfunden. Das Steckverbindergeschäft entstand also nicht als Nebenprodukt des Kabels, sondern aus dem Bedarf in der industriellen Praxis. Und dazu kam die Erfinderpersönlichkeit von Oskar Lapp, der Leitung und Steckverbindung von Anfang an gemeinsam dachte. Diese frühe Pionierarbeit wirkt bis heute nach – und erklärt, warum Steckverbinder ein fester Bestandteil unserer Entwicklung sind.
LAPP vereint also zwei große Kompetenzen unter einem Dach: Kabel und Steckverbinder. Wie unterscheiden sich Ihre Strategie und Produkte vom Wettbewerb?
LAPP denkt Verbindungstechnologie nicht als einzelne Komponenten, sondern als ganzheitliches System. Wir beherrschen Kabel, Steckverbinder, aktive Netzwerkkomponenten und Remote-I/O-Technik. Damit decken wir weite Teile der Automatisierungspyramide ab. Für viele Anwendungen heißt das: Die entscheidende Schnittstelle entsteht bei uns im Haus. Unser Vorteil ist, dass wir Kabel und Steckverbinder gleichermaßen beherrschen. Wir wissen, wie sich ein Kabel unter mechanischer Last verhält, und wie ein Steckverbinder elektrisch und thermisch arbeitet. Diese Kombination ist am Markt selten. Dadurch verstehen wir Schnittstellen besser als Hersteller, die meist nur einen Teil abdecken und können Verbindungslösungen komplett betrachten – vom Sensor bis in den Schaltschrank.
Auf diese Weise haben wir uns vom Komponentenlieferanten zum Systemanbieter weiterentwickelt. Wir arbeiten eng mit Maschinenbauern und Motorenherstellern zusammen und entwickeln kundenspezifische Lösungen für deren individuellen Anforderungen. Nicht zuletzt können wir so technische Innovationen direkt in beide Richtungen weitergeben – vom Kabel zum Steckverbinder und umgekehrt.
Welchen konkreten Mehrwert bietet diese Doppelkompetenz für Ihre Kunden?
Für unsere Kund:innen wird Entwicklung einfacher und sicherer. Wenn Leitungs- und Steckverbinder-Know-how unter einem Dach sitzen, lassen sich Schnittstellen gekonnt optimieren: mechanisch, elektrisch und im Kabelmanagement. Unsere Teams entwickeln dann gemeinsam eine stimmige Lösung, statt zwei Produkte später zusammenzusetzen. Das verkürzt Entwicklungszeiten, senkt Montagekosten und erhöht die Betriebssicherheit. Dazu kommt unsere Fertigungstiefe. Mit LAPP Harnessing Solutions bieten wir komplette, kundenspezifisch konfektionierte Systeme an, inklusive Leitung, Steckverbinder, EMV-Konzept, Kennzeichnung und Qualitätsprüfung. Wer möchte, bekommt also nicht nur Einzelteile, sondern ein vormontiertes, getestetes Verbindungssystem aus einer Hand. Für unsere Kund:innen bedeutet das Entlastung in der Konstruktion und Beschaffung sowie weniger Fehlerquellen in der Montage. Wenn Steckverbinder und Leitung aus einem Haus kommen, reduziert das Fehler, Aufwand und Kosten.
Gibt es Beispiele, bei denen genau diese Kombination aus Kabel- und Steckverbinder-Know-how entscheidend war?
Ja, ein Werkzeugmaschinenbauer hat eine kompakte Lösung für Leistung, Signal, Daten und Pneumatik gesucht. Auf Basis unseres modularen EPIC® Rechteckstecksystem ist als Antwort ein individuell konfigurierbarer Steckverbinder entstanden, der alle geforderten Eigenschaften vereint: weniger Bauraum, weniger Montageaufwand, höhere Systemsicherheit.
Ein weiteres Beispiel kommt aus dem Hygienebereich. Der Kunde hat eine leicht zu reinigende Alternative zur klassischen Schleppkette gesucht, die mit ihren Ecken und Kanten bei der Reinigung oft eine Herausforderung darstellt. Für diesen Anwendungsfall haben wir ein kettenfreies Kabelmanagementsystem aus einer ÖLFLEX® entwickelt. Ein flaches Kabel mit extrudiertem Stützelement begrenzt die Bewegung so, dass es sich nur in eine Richtung biegt – ähnlich wie eine Schleppkette, aber völlig glatt und ohne Kanten oder Hohlräume. Das System lässt sich dadurch hygienisch reinigen und benötigt weniger Platz im Bauraum. Den passenden Steckverbinder haben wir parallel so konstruiert, dass er diese Bewegung aufnimmt und mechanisch stabil bleibt. Aus dieser Kombination von Kabel- und Steckverbinder-Kompetenz entstand nicht nur eine neue Produktlösung, sondern ein völlig neues Konzept des Kabelmanagements. Die Lösung ist inzwischen patentiert und wird in mehreren Pilotanwendungen getestet. Solche Lösungen entstehen nur, wenn Kabel- und Steckverbinder-Entwicklung Hand in Hand arbeiten. Und das ist bei LAPP der Fall.
Mit der Übernahme eines chinesischen Rundsteckverbinder-Herstellers haben Sie Ihr Portfolio erweitert. Was waren die ausschlaggebenden Beweggründe hinter der Übernahme – und welche Rolle spielt China dabei?
Der Schritt hate vor allem ein Ziel: Wir wollten unsere Kompetenz im Bereich Sensor-Aktor-Steckverbinder noch weiter ausbauen. Im Fokus standen mit EPIC® M8 und EPIC® M12 zwei weitverbreitete Standardprodukte. Der asiatische Raum ist bei der Kombination aus Effizienz und Qualität in der Fertigung führend, insbesondere beim Umspritzen. Außerdem ergänzen das umfangreiche Portfolio und die hohe Engineering-Kompetenz im Bereich Rundsteckverbinder unser Angebot an Industriesteckverbindern hervorragend. Mit dem Zusammenschluss sichern wir zusätzliches Know-how, erweitern unsere Forschungs- und Entwicklungskompetenzen, unsere Fertigungskapazitäten sowie unser technisches Vertriebsnetz in China und im asiatisch-pazifischen Raum.
Sind in Zukunft weitere Akquisitionen möglich?
Wir bei LAPP entwickeln so viel wie möglich intern. Übernahmen prüfen wir gezielt, sofern sie uns schneller oder breiter in strategische Märkte bringen. Entscheidend ist, dass die Zukäufe unser Technologie- und Lösungsportfolio sinnvoll ergänzen und unser Know-how global erweitern. Unser Ziel ist es, als vollwertiger Systemlieferant unseren Kund:innen den größten Mehrwert zu bieten – und das weltweit.
Welche Entwicklungen treiben das Steckverbindergeschäft aktuell am stärksten?
Aktuell orientiert sich der Markt gerade neu. Nach Jahren des Wachstums suchen viele Unternehmen nach neuen Ideen und zugleich nach effizienteren Lösungen. Entsprechend gefragt sind kurze Entwicklungszyklen, modulare Systeme und nachhaltige Produktstrategien. Wir sehen einen klaren Trend zum „Design-In“: Das bedeutet, Kund:innen wollen keine Katalogware, sondern spezifischen Lösungen, die in ihr Gesamtsystem passen. Ein Beispiel dafür ist unser neuer EPIC® M23 Steckverbinder: Wir haben ihn im Sinne der Anwender:innen neu gedacht, mit besserer Verarbeitung, höherer Spannungsfestigkeit und einem vereinfachten Baukastensystem. Insgesamt geht der Trend eindeutig dahin, bestehende Systeme noch besser, flexibler und wirtschaftlicher zu machen. Oder, wie man bei mir daheim in Bayern sagt: Es ist heute mehr denn je die ‚eierlegende Wollmilchsau‘ gefragt.
Nachhaltigkeit wird bei LAPP zunehmend wichtiger. Welche Auswirkungen hat das konkret für das Steckverbindergeschäft – heute und in Zukunft?
Richtig, Nachhaltigkeit spielt bei LAPP insgesamt eine wachsende Rolle. Und gerade, weil wir Verbindungstechnologie ganzheitlich verstehen, betrachten wir auch im Steckverbindergeschäft den Ressourceneinsatz. Eine neue Version unseres EPIC® H-Q Rechtecksteckverbinders besteht beispielsweise zu 43 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. Das reduziert den Anteil fossiler Rohstoffe, ohne die technische Leistungsfähigkeit und Qualität zu beeinträchtigen. Gleichzeitig verringern wir durch modulare Systeme die Anzahl der Einzelkomponenten, was Ressourcen spart, die Logistik vereinfacht und Kosten senkt. Das zeigt auch, was uns bei LAPP wichtig ist: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus – im Gegenteil, sie ergänzen sich.
LAPP wird heute in dritter Generation geführt und versteht sich als Familienunternehmen mit Verantwortung. Wenn wir den Blick in die Glaskugel werfen: Welche Rolle sollen diese Werte auch zukünftig für das Steckverbindergeschäft spielen – und was wünschen Sie sich, dass Kunden und Partner dann mit dem Namen LAPP verbinden?
Als Familienunternehmen denken wir langfristig und müssen keine kurzfristigen Renditeziele erfüllen. Vielmehr investieren wir strategisch in Zukunftstechnologien, etwa wie Hochvolt-Steckverbinder mit bis zu 1000 Volt Spannungsfestigkeit. Heute sind sie zwar noch Nischenprodukte, morgen können sie bereits Standard sein. Ein Beispiel aus dem Leitungsbereich ist die ÖLFLEX® Hybridleitung mit zeroCM®-Technologie, die Anschluss- und Steuerleitung in einer Lösung kombiniert. In einigen Jahren könnte diese unverzichtbar sein. Diese Weitsicht unterscheidet uns von anderen Unternehmen. Entscheidungen fallen schneller, Wege sind kürzer, das Miteinander ist nahbar. Das schafft intern wie extern Vertrauen und gibt uns die Freiheit, auch unkonventionelle Ideen voranzutreiben.
Genau diese Haltung soll in den nächsten Jahren weiterhin unser Geschäft prägen. Wir wollen technische Exzellenz mit verantwortungsvollem Handeln kombinieren und unseren Kund:innen ganzheitlichen Verbindungslösungen bieten, die langfristig überzeugen. Unser Ziel ist erreicht, wenn LAPP international als verlässlicher Systempartner wahrgenommen wird, der Innovation und Verantwortung zusammenbringt.
Vielen Dank für das Gespräch!