Heute würde man von Work-Life-Balance und Homeoffice sprechen – Begriffe, die Ursula Ida Lapp vor 60 Jahren wohl gänzlich unbekannt waren, deren Bedeutung sie aber tagtäglich lebte. 1959 meldete sie die U.I. Lapp KG an – auf ihren Namen und mit ihrem Mann Oskar Lapp als Angestellten. Bis 1963 war das Privathaus in Vaihingen die Firmen und Familienzentrale, in der die Unternehmerin und Mutter vorlebte, was die heutige Frauengeneration umtreibt: die richtige Balance zwischen Kindern und Karriere. Kein Wunder, setzt sich Ursula Ida Lapp seit jeher stark für die Belange ihrer Mitarbeiter in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. In diesem Jahr feiert die Firma nicht nur 60 Jahre LAPP, sondern vor allem auch den 90. Geburtstag der Unternehmensgründerin – und damit auch 60 Jahre Vorreiterrolle einer erfolgreichen Frau.

Ein Porträt von Ursula Ida Lapp
Ursula Ida Lapp gilt für viele als das Herz der Firma. Die Mitarbeiter der Niederlassung in Singapur feierten sie einst liebevoll als „Mutter Lapp“.

Aber zurück zu den Anfängen: Schon als Kind muss Ursula Ida Emmelmann in ihrer Heimat Benshausen (Thüringen) früh Verantwortung übernehmen, denn ihre Mutter stirbt als sie zehn Jahre alt ist. So geht sie früh ihren eigenen Weg und absolviert eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Als hätte sie geahnt, dass sie diese Kenntnisse einmal als Firmenchefin nutzen wird. 1951 heiratet sie den zehn Jahre älteren Oskar Lapp. Weil die beiden die Repressalien der DDR nicht mehr ertragen können, tritt zunächst Oskar Lapp alleine die Flucht in den Westen an. Seine Frau folgt ihm wenig später nach Baden-Württemberg – hochschwanger mit Andreas Lapp, in der einen Hand einen kleinen Koffer, an der anderen den damals dreijährigen Siegbert.

Das Paar muss sich in der neuen Heimat sein Leben von null aufbauen, hat keine eigene Wohnung, keine Möbel, kaum Kleidung. Aber einen Traum, den es zielstrebig verfolgt. Ende der 50er-Jahre entwickelt Oskar Lapp mit ÖLFLEX® schließlich die erste industriell gefertigte Anschluss- und Steuerleitung, die die Verbindungstechnik revolutioniert. 1959 gründen die Lapps ihr Unternehmen. Weil ihr Mann noch anderweitig angestellt ist, lässt sich Ursula Ida Lapp als Unternehmensgründerin ins Handelsregister eintragen. Die folgenden Jahre übernimmt Oskar Lapp den Außendienst, Ursula Ida Lapp kümmert sich zuhause um Buchhaltung, Bestellungen, Werbung und die Kinder. Oft fährt sie mit dem Handwagen zum Güterbahnhof, um die extern gefertigten Kabel in Empfang zu nehmen und weiter zu versenden. Ursula Ida Lapp behauptet sich in der technischen Männerwelt. Ist sie mit der Qualität der gelieferten ÖLFLEX® nicht zufrieden, reist sie bis nach Wuppertal, um beim Hersteller zu reklamieren. Und erreicht stets, was sie will.

1963 – im Jahr nach der Geburt des dritten Sohnes Volker – eröffnen die Lapps ihre erste eigene Fabrik, 1965 wird der Firmensitz vom Wohnhaus der Familie an den heutigen Firmenstammsitz verlegt. Die folgenden Jahre wächst LAPP zum Weltmarktführer. Ein großer Einschnitt für die Firma, vor allem aber für die Familie ist der Tod von Oskar Lapp 1987. Trotz des Verlustes ist für Ursula Ida Lapp klar, dass das gemeinsame Lebenswerk weitergeführt werden muss. Mit ihren Söhnen Siegbert und Andreas übernimmt sie die Leitung des Unternehmens. Ende der 90er-Jahre übergibt sie das operative Tagesgeschäft an die beiden, übernimmt den Vorsitz des Aufsichtsrats. Mittlerweile hat sie auch diese Position abgegeben, bleibt aber Ehrenvorsitzende und im Unternehmen präsent.

Auch die Enkel Matthias und Alexander Lapp haben bereits Verantwortung übernommen. Und erfüllen Ursula Ida Lapp damit einen Lebenswunsch: Dass das Unternehmen in Familienhand bleibt. Die Firma ist ihr Leben, ihre Familie. Kein Wunder, lebt sie ihren Familiensinn auch als Unternehmerin. Weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, werden die Mitarbeiter in allen Lebensphasen darin unterstützt – zum Beispiel mit flexiblen Arbeitszeiten oder Hilfe bei der Suche nach Kita-Plätzen und Pflegeangeboten.

Auch außerhalb des Unternehmens ist soziales und kulturelles Engagement für Ursula Ida Lapp stets eine Herzensangelegenheit. Sie engagiert sich für Einrichtungen in und um Stuttgart, aber auch in Indien. 1992 initiiert sie mit ihren Söhnen die Oskar-Lapp-Stiftung zu Ehren ihres Mannes, der an einem Herzinfarkt gestorben ist. Die Stiftung unterstützt Wissenschaftler in der Herz- und Kreislaufforschung. Für ihre Leistungen als Unternehmerin, ebenso wie für ihr gesellschaftliches Engagement, erhält Ursula Ida Lapp unter anderem das Bundesverdienstkreuz und die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg.

ÖLFLEX® statt OPER

In einem Interview zu ihrem 85. Geburtstag erzählt Ursula Ida Lapp, dass sie beinahe Opernsängerin geworden wäre. Die Musik ist von klein auf ihr großes Hobby. Als junge Frau wird sie Mitglied im Gesangsverein ihrer Heimatstadt Benshausen. Bald singt sie die Hauptrollen in Operetten wie „Rose-Marie“ oder „Das Walzermädel von Wien“. Mit ihrem Gesang verzaubert sie das Publikum – und auch Oskar Lapp, der die Zwanzigjährige bei der Weihnachtsaufführung 1950 erstmals wahrnimmt – und ihr daraufhin den Hof macht.

Statt der Gesangskarriere schlägt sie an der Seite von Oskar Lapp den Weg als Unternehmerin ein. Die Liebe zur Musik bleibt. Oft hat das Paar Gäste im Haus in Vaihingen. An diesen geselligen Abenden übernimmt Oskar Lapp die Rolle des Geschichtenerzählers. Und Ursula Ida Lapp singt gerne für ihre Gäste. Auch bei internen Betriebsfeiern oder Familienfesten sind ihre Auftritte stets ein fester Bestandteil.

Selbst mit 89 Jahren lässt sie es sich nicht nehmen, ihrem Sohn Andreas Lapp bei dessen Geburtstagsfeier 2019 vor Publikum ein Ständchen zu bringen.

 

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